Mertesacker zeigt, was uns schwach macht

Foto: imago/Uk Sports Pics Ltd

 

Fußball-Weltmeister Per Mertesacker spricht bewundernswert offen über seinen immensen Leistungsdruck. Seine Ehrlichkeit löst eine Debatte aus – die längst überfällig ist und nicht nur den Sport, sondern die ganze Gesellschaft betrifft.

Da steht einer regelmäßig auf dem Fußballplatz, seit 15 Jahren sogar im Profigeschäft. Er ist Weltmeister, trägt beim Premier-League-Klub FC Arsenal die Kapitänsbinde – und dann offenbart er, unter immensem Druck zu leiden. Per Mertesacker bekennt im “Spiegel”, dass er vor jedem Spiel einen Brechreiz hat und an Durchfall leidet, weil es ihn belastet, perfekt funktionieren zu müssen. Und dass er noch nie darüber gesprochen hat. Nicht mit seiner Frau, nicht mit seiner Familie, erst recht nicht mit jemandem anderes.

Das ist eine Ansage. Eine, die das Zeug hat, das Geschäft Fußball, den Sport im Gesamten und im besten Fall sogar die Gesellschaft länger zu beschäftigen.

Denn Leistungsdruck geht uns alle etwas an, wir sind ihm regelmäßig ausgesetzt. Wir Menschen definieren uns über Gefühle. Liebe, Freude, Leid, Trauer – und Gefühle sind komplex. Wer liebt, kann trotzdem trauern. Wer Freude an etwas hat, kann trotzdem leiden. So wie Per Mertesacker. Er hat sich ausgesucht, als Profifußballer zu arbeiten. Er liebt seinen Sport. Und trotzdem leidet er unter ihm. Das muss der Wahl-Londoner äußern dürfen, das muss ernst genommen und akzeptiert werden. Deswegen ist er weder wehleidig, noch jammert er darüber, wie einige Medien schreiben. Darauf legt er übrigens wert, wie er dem “Spiegel” gegenüber betont: “Das alles darf nicht weinerlich klingen, denn natürlich sind mir die Privilegien meines Lebens bewusst.”

Geld verdonnert nicht zum Schweigen

Je bekannter ein Mensch, desto größer wird diese Last. Aber eigentlich dürfte das in einer Debatte um Gefühle keine Rolle spielen. Es ist unerheblich, ob es um eine Journalistin geht, die einen sensiblen Text wie diesen schreibt, und Druck spürt, weil Kollegen ihn redigieren, viele Menschen ihn lesen und ihre Meinung dazu äußern werden. Oder ob ein Verkäufer, ein Bauarbeiter, ein Arzt, ein Jurist oder eben ein Fußballprofi die Belastung in seinem Beruf kritisiert. Gefühle sind Teil der Persönlichkeit, jeder empfindet sie anders. An manchen prallt einfach alles ab, andere nehmen sich jede Kleinigkeit zu Herzen. Bestimmend dabei ist nicht, wie viel Kohle jeder einzelne auf dem Konto hat. Das Gehalt von Mertesacker verdonnert ihn nicht zum Schweigen. Wer sich über seine ehrlichen Worte empört, der sollte dringend an seiner Empathie zweifeln.

Leute wie Ex-Fußballer Lothar Matthäus, der beim TV-Sender Sky abfällig über Mertesackers Aussagen redet: “Nationalmannschaft spielt man ja freiwillig. Er hätte ja aufhören können, wenn der Druck so groß war”, sagte der 56-Jährige. Und weiter: “Im eigenen Land eine Weltmeisterschaft zu spielen, bei der du von so einer Euphorie getragen wirst, das darf ja gar keine Belastung sein.” Absurd, so etwas zu behaupten.

Gesellschaft muss Schwächen ertragen können

Ein deutliches Mehr an Empathie und Akzeptanz täten der Sportwelt gut, um den Druck erträglich zu machen. Außerhalb des Systems, aber auch innerhalb. Mertesacker hat lange Zeit keinen Psychologen konsultiert, weil “die anderen im Team” nicht denken sollten, “du hast was. Dass der Leistungssport vielleicht doch nichts für dich ist”. Der 33-Jährige ist das beste Beispiel, dass diese Ansicht albern ist. Er bringt gute Leistung, seit Jahren, trotz aller inneren und äußeren Widersprüche.

Übrigens wird Mertesacker bald die Nachwuchsakademie von Arsenal leiten – das ist ein großes Glück. Und kein Problem, wie Matthäus behauptet: “Wie will er nach diesen Aussagen weiter im Profifußball tätig sein? Er hat doch die Idee, im Nachwuchs zu arbeiten. Wie will er einem jungen Spieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, dass da zu viel Druck ist. Das geht nicht.” Doch das geht, nämlich weil er eben mit seiner Empathie und seinem Wissen darüber, was Leistungsdruck mit einem Fußballer machen kann, den Jugendlichen ein großes Vorbild und Hilfe sein wird. Mertesackers früherer Nationalmannschaftskollege Thomas Hitzlsperger sagt: “Junge Spieler sollen wissen, was auf sie zukommen kann. Und wenn ein so verdienter Fußballer so offen spricht, kann ich das nur gutheißen.”

Hitzelsperger machte nach seiner Karriere seine Homosexualität öffentlich, Mertesacker spricht nun – kurz vor seinem Karriereende – über seine Anspannung. Die jeweiligen Zeitpunkte beweisen: Es scheint zu bedrohlich, während der Karriere Probleme zu thematisieren. Erst, wenn es für den Job nicht mehr relevant ist, kommen wichtige Dinge ans Licht. Ganz klar, seelische Verletzungen werden anders behandelt als körperliche. Wer als Sportler einen Kreuzbandriss erleidet, wird selbstverständlich fair behandelt, anders sieht es bei zu hohem Leistungsdruck aus. Erst, wenn der abnimmt, dürfen Menschen wieder Menschen sein und nicht Maschinen.

Die Reaktionen auf Mertesackers Eingeständnis, aber auch auf Matthäus’ Aussagen beweisen, dass eine Diskussion über Leistungsdruck überfällig ist. Eine tolerante Gesellschaft muss akzeptieren können, dass das Eingestehen von Schwächen während des größten Erfolgs ebenso möglich ist. Es gibt wichtigeres, als immer nur Stärke und Härte beweisen zu wollen. Das gilt für den Fußball – und fürs Leben.

Source :

n-tv.de

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