Die AfD wird zunehmend radikaler – ein Soziologe erklärt, warum das die Partei zerstören könnte

Source : Internet

Beinahe täglich kommt vom Spitzenduo der AfD eine neue Provokation.

Einmal wollen Alexander Gauland und Alice Weidel die SPD-Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz aus dem Land werfen. Das andere Mal will Weidel Kanzlerin Merkel nach der Wahl vor ein Gericht zerren.

Der Krawall scheint die Wähler nicht zu verschrecken.

Ganz im Gegenteil: Zuletzt stiegen die Beliebtheitswerte der Partei sogar an. Im aktuellen “Deutschlandtrend” kommt die AfD auf elf Prozent der Stimmen und erreicht den besten Wert seit Wochen.

Radikalisierung verschreckt die Wähler

Läuft also bei der AfD, könnte man meinen.

Doch ganz so rosig sieht es in Wahrheit nicht aus. Jedenfalls, wenn man Holger Lengfeld glaubt, der als Professor Soziologie an der Universität Leipzig lehrt.

Er sagt: Eine weitere Radikalisierung der Partei könnte viele Wähler von der AfD entfremden. Lengfeld hat gute Gründe für seine Aussage. Er hat sich eingehend mit der Wählerschaft der AfD beschäftigt.

Erst im Juni veröffentlichte er eine vielbeachtete Studie über die AfD-Wähler. Die Untersuchung stützte sich auf Umfragedaten des Instituts infratest dimap, die im November vergangenen Jahres unter 1.031 Wahlberechtigten erhoben wurden.

Die AfD-Wähler kommen aus allen Gesellschaftsschichten

“Die These, dass vor allem Modernisierungsverlierer aus wirtschaftlicher Enttäuschung die AfD wählen, ist laut unseren Analysen falsch”, sagt Lengsfeld. “Auch die Menschen, die Abstiegsängste haben, sind nicht das Kernklientel der AfD.”

Lengfeld hat herausgefunden, dass Menschen, die sich als gesellschaftliche Verlierer sehen, nicht häufiger AfD wählen als andere.

Er kommt zu dem Schluss: “Die AfD ist wie eine Art kleine Volkspartei, die aus allen Schichten der Bevölkerung Unterstützung bekommt. Von Geringverdienern über Wohlhabende, von weniger Gebildeten bis hin zu Akademikern.”

Lengfeld bestätigte damit eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die zeigte, dass ein Drittel der AfD-Wähler zum reichsten Fünftel der Bevölkerung gehören. Allerdings bezog sich die Studie des IW auf Daten aus dem Jahr 2014.

Aber was treibt die Wähler über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg in die Arme der AfD? Lengfelds Antwort: “Sie lehnen die Zuwanderung von Flüchtlingen ab.”

Wenn Menschen denken, dass die Zuwanderung zu hoch sei, dann gebe es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie AfD wählen, erklärt der Soziologe.

Schleichende Radikalisierung

Die Breite der Wählerschaft hat den Erfolg der AfD begründet – sie wird aber jetzt auch zur Gefahr für die Partei.

Denn je radikaler die Partei auftritt, desto mehr entfremdet sie vor allem die Wähler aus der Mittel- und Oberschicht. Demokratiefeindliche Parolen, auch das hat Lengfeld herausgefunden, kommen eher bei den sozial Schwachen an.

Neben der Ablehnung von Zuwanderung verbinde Demokratieverdrossenheit viele AfD-Wähler aus den unteren sozialen Schichten.

Die schleichende Radikalisierung der AfD in den vergangenen Monaten scheint genau auf diese Wählerklientel abzuzielen.

So brachte Gauland kürzlich den Partei-Rechtsaußen Björn Höcke für den Parteivorstand ins Spiel. Höcke fiel unter anderem mit seiner Kritik an der deutschen Erinnerungskultur auf. Er nannte das Holocaust-Mahnmal in Berlin im Januar ein “Denkmal der Schande im Herzen der Hauptstadt”.

”Politische Gegner an die Wand stellen”

Aktuell beschäftigt die Partei auch ein Fall aus Mecklenburg-Vorpommern. Dort musste der AfD-Fraktionsvize Holger Arppe zurücktreten, weil er politische Gegner “an die Wand stellen” wollte. Öffentlich gewordene Chat-Protokolle von Arppe offenbaren seine schockierend demokratiefeindliche Einstellung.

Diese Einstellung zeigte sich auch schon in den Chats des AfD-Landesvorsitzenden in Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, die im Juni öffentlich wurden. Poggenburg forderte dort “Deutschland den Deutschen” und er sprach von einer Erweiterung der Landesgrenzen. Andere AfD-Mitglieder in dem Chat schwärmten davon, wie sie nach der Machtergreifung die Pressefreiheit abschaffen würden.

Der radikale AfD-Flügel um Höcke und Poggenburg könnte unter dem Partei-Spitzenduo Gauland und Weidel künftig noch mehr Einfluss bekommen. Gauland gab kürzlich offen zu, dass er Höcke “verehrt”.

Die AfD als Bürgerschreck

Auf der anderen Seite verlieren die Gegner von Gauland und Weidel – namentlich Parteichefin Frauke Petry – seit Monaten an Einfluss in der Partei. Kein Wunder, dass sich gemäßigte Parteimitglieder zunehmend Sorgen um die Zukunft der Partei machen.

Der moderate AfD-Parteivorstand Dirk Driesang sagte dazu kürzlich der HuffPost: “Solche Aussagen (wie von Gauland über Özoguz, Anm. d. Red.) haben das Potential, unsere bürgerlichen Wähler zu verschrecken, ohne die wir ein zweistelliges Ergebnis bei der Bundestagswahl nicht erreichen können.”

Be the first to comment

Leave a Reply

Your email address will not be published.


*


twelve − 6 =